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Freitag, 09.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Gesellschaft

#StandWithUkraine – Benefizkonzert der Augsburger Philharmoniker

Das Tor von Kiew kann durch Musik leider nicht geschützt werden. Das Staatstheater entfesselte dennoch ein beeindruckendes musikalisches Signal der Solidarität

Von Halrun Reinholz

Grafik: Staatstheater Augsburg

Entsetzen und Sprachlosigkeit haben sich seit 17 Tagen überall in Europa breit gemacht. Bilder vom Krieg in der Ukraine und von flüchtenden Menschen haben aber auch Hilfsreflexe in Gang gesetzt. Materielle Hilfe geht mit Anteilnahme einher. Friedensdemonstrationen haben auch in Augsburg Tausende in die Stadt geführt, eine Informationsveranstaltung der Stadt im Oberen Rathausfletz trug dazu bei, Geschichtslücken zu schließen und das unbekannte Land Ukraine näher in den Fokus zu rücken. Orchester in ganz Europa veranstalten Benefizkonzerte, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Auch die Augsburger Philharmoniker haben am Samstag im Kongress am Park ein solches unverzüglich auf ihr Programm gesetzt. Es begann, wie die meisten dieser Konzerte, mit der (nun jedem wohl bekannten) Ukrainischen Nationalhymne von Mychajlo Werbyzkyi, gefolgt von der Hymne der Europäischen Union, der Melodie zu Beethovens „Ode an die Freude“. 

„Musik spricht dort, wo Worte fehlen“ – mit dieser Aussage  sprach Kulturreferent Jürgen Enninger in seinem Grußwort den zahlreich im Kongress am Park erschienenen Musikfreunden aus der Seele. Er erinnerte daran, dass es in Augsburg, etwa durch das Bukowina-Institut oder den Ukrainischen Verein, einige Verbindungslinien zur Ukraine gebe und dass auch er sich bereits vor Ort einen Eindruck von den kulturellen Aktivitäten gemacht habe. Er sprach als Vertreter der Oberbürgermeisterin Eva Weber, die die Schirmherrschaft über das Konzert zugunsten der UNHCR-Flüchtlingshilfe übernommen hatte. Im Namen der Stadt dankte er der Augsburger Stadtgesellschaft für die Zeichen der Solidarität mit der Ukraine, die „dem Unrecht mit Menschlichkeit die Stirn bietet“ und erwähnte dabei ausdrücklich auch die große aus Russland oder anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion stammende Community, von der deutliche Zeichen der Positionierung gegen den Krieg und der Hilfsbereitschaft zu verzeichnen sind. 

Als Kulturreferent versprach er einen Sonderbetrag von 20.000 Euro für die kulturelle Zusammenarbeit mit der Ukraine. GMD Domonkos Héja hat für das Benefizkonzert ein für den Anlass beziehungsreiches Programm zusammengestellt, auch wenn sich der Symbolgehalt vielleicht nicht auf den ersten Blick erschloss. 

Den Einstieg machte der zweite Satz des 8. Streichquartetts von Dmitri Schostakowitsch, von Rudolf Barschai als Kammersinfonie bearbeitet, das der Komponist 1960 in einer schwierigen Lebenssituation unter dem Druck stalinistischer Repression geschrieben hatte.

Es folgte ein Grußwort des Intendanten André Bücker, der daran erinnerte, dass das Staatstheater Augsburg Künstler aus aller Welt vereinigt und dass die Anteilnahme und Sensibilität für die Situation in der Ukraine in so einer Gemeinschaft naturgemäß besonders hoch ist. Im Anschluss kündigte er einen Redebeitrag der Ukrainerin Dr. Tanja Hoggan-Kloubek vom Ukrainischen Verein an. 

Die aus Czernowitz in der Bukowina stammende, seit mehreren Jahren in Augsburg lebende Universitätsdozentin dockte an Schostakowitsch an, der im wahrsten Sinne des Wortes immer „einen Koffer gepackt“ hatte und darauf wartete, abgeholt zu werden. Sie warnte davor, die Gefahr zu unterschätzen, die von einem Aggressor wie Putin ausgehe, der „Stalin als genialen Organisator und nicht als Massenmörder“ betrachte und der unverhohlen längst überholte Großmachtsfantasien verfolge, die von Europa lange ignoriert wurden. Heute hätten die Ukrainer die Koffer gepackt, demnächst könnten es noch mehr werden. In diesem Sinne dankte sie allen für das Handeln, das im Sinne von Hannah Arendt erst die Menschlichkeit ausmache. Lange habe sie sich dagegen gewehrt, bekannte sie, Kultur und Bildung politisch aufzuladen. Sie seien sich selbst genug und sollten durch sich selbst wirken. Doch in Situationen wie diesen müsse auch die Kultur politisch Stellung beziehen, sei sie inzwischen überzeugt, deshalb sei ein Konzert wie dieses ein politisches Zeichen.

Diesen aufwühlenden Worten folgten die Metamorphosen für 23 Solostreicher von Richard Strauss. Der Komponist schrieb es kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor dem Hintergrund einer kulturell und menschlich verwüsteten, in Ruinen liegenden Welt. 

In den letzten Takten klingt nicht zufällig der Trauermarsch aus Beethovens „Eroica“ an, den Héja als nächstes Stück im Programm folgen ließ. Die depressive Grundstimmung des Zweiten Satzes, die normalerweise beim Hören der gesamten „Eroica“ relativiert wird, blieb im Raum. Sie änderte sich zunächst auch nicht mit dem letzten Programmpunkt, einer Auswahl aus Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. 

Es erklangen  die letzten drei Bilder, ein Rundgang durch die Katakomben von Paris („Com mortuis in lingua morta“), das Hexenhaus der Hexe Baba Jaga, die heimtückisch ahnungslos Vorbeikommende überfällt. Schließlich steigert sich  die Musik in „Das große Tor von Kiew“ zu einer – vielleicht hoffnungsvoll stimmenden, jedenfalls donnernden und mit vollem Schlag-Instrumentarium klingenden – Apotheose. 

Das überwältigte Publikum honorierte dieses Finale mit lang anhaltendem Applaus für das wie immer perfekt und beherzt agierende Orchester. Jede Zugabe hätte die sorgfältig aufgebaute Klangarchitektur dieses Konzerts zerstört. Das Tor von Kiew kann durch Musik leider nicht geschützt werden, aber die Musik gibt Trost, Hoffnung und Zuversicht. – Weil eben die Worte fehlen für das, was gerade geschieht.

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