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Donnerstag, 08.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Festival

Brechtfestival: Vom Leben auf der Straße

Ein Gastspiel des Berliner Ensembles eröffnet das Brechtfestival im Martinipark

Auf der Straße: Foto © Julian Röder

Zum dritten und letzten Mal ist Patrick Wengenroth der Macher des Augsburger Brecht-Festivals. Deshalb wird schon „beim Beginn vom Ende geredet“, wie Intendant André Bücker bei der Eröffnung launig verlauten ließ. Ein Schwerpunkt des Festivalleiters war von Anfang an die Einbindung der freien Theaterszene in Augsburg, weshalb auch an diesem Eröffnungsabend parallel mehrere Premieren liefen, die das Publikum zur Entscheidung drängten. Im Martinipark gab es zur Eröffnung eines der in der Ära Wengenroth eher seltenen Gastspiele mit hohem Erwartungswert: Das Berliner Ensemble kam mit einer Inszenierung von Karen Breece – nicht etwa eines Brecht-Stückes, sondern mit von der Regisseurin selbst geschriebenem „Dokumentartheater“, das sowohl Schauspieler, als auch Menschen „von der Straße“ auf die Bühne bringt. 

„Von der Straße“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn Karen Breece hat, wie sie in der Einführung ausführlich erläuterte, mit vielen Menschen Interviews geführt, die in Armut oder Obdach leben, aber offensichtlich „Teil unserer Gesellschaft sind“.  Die Erkenntnisse aus diesen Gesprächen fließen in das Stück ein – und hinterlassen bei den Zuschauern tiefste Betroffenheit. Drei der Darsteller sind „echt“, sie erzählen über ihr eigenes Leben. Biographien, die mehr oder weniger vielversprechend begonnen haben, aber durch die unterschiedlichsten Umstände eine Wendung in die Sackgasse nahmen. Da ist René Wallner, der tagsüber nicht als Obdachloser erkannt werden möchte. Darum hat er ein Versteck für seine Tasche, die er für die Nacht braucht: Mit Isomatten und Ikea-Decken sucht er immer dieselbe Bank auf, um da zu schlafen. Und den Platz weiß er auch zu verteidigen – mit einer stets griffbereiten Fahrradkette. 

Oder da ist Alexandra Zipperer, eine Kunsthistorikerin, die wegen Krankheit in Not geraten ist. Nach Abzug aller Fixkosten bleiben ihr gerade mal 27 Euro für ihren Lebensunterhalt, deshalb ist sie auf die Tafel angewiesen und muss zudem die Schikanen der Sachbearbeiterin des Sozialamts  erdulden. Oder „Psy Chris“, der vom Stiefvater misshandelt wurde und seit seiner Jugend auf der Straße lebt. Andere Schicksale werden als „Kunstfiguren“ von den Schauspielern (Bettina Hoppe und Nico Holonics) dargestellt. Etwa die alleinerziehende Mutter, die auch auf die Tafel angewiesen ist, aber sich von den dort mit „Jogginghosen“ anstehenden anderen Wartenden auf Distanz hält, damit der „Geruch“ der Armut sie und ihre neunjährige Tochter nicht erfasst. 

Auch die Namenlosen, die die Mitarbeiter der Sozialstationen aus ihrer verdreckten Kleidung herausschneiden müssen, um sie überhaupt waschen zu können, werden erwähnt. Das Bühnenbild ist ein Karussel aus Sitzbänken, im Wechsel kommen immer andere Protagonisten zu Wort. Auch eine „normale“ Mutter, deren wichtigste Sorge es ist, die Tochter rechtzeitig zum „Morgenkreis“ in die Kita zu bringen. Straßennamen werden eingeblendet oder Tageszeiten. Ein Stück ohne erhobenen Zeigefinger, das zeigt, dass „nichts selbstverständlich ist“. Jeder kann auch in diesem reichen Land ins Abseits gleiten. Die Menschen versuchen, sich ihre Würde zu bewahren. „Die im Dunkeln sieht man nicht“, könnte man mit Brecht zu Recht sagen. Denn was den Menschen helfen könnte, ist hinschauen, sie ansprechen, mit ihnen reden.  

Genau das hat Karen Breece getan. Am Anfang und am Ende lässt sie die Darsteller Solon zitieren, einen Autor aus der Antike, der „diese unsere Stadt“, die nach dem Plan des Zeus niemals untergehen soll, gefährdet sieht, weil die Bürger „auf des Geldes Stimme hören“ und ihre Führer es nicht verstehen, „ihre Gier nach Zuviel im Zaum zu halten“. Die einzige Lösung sieht er in der „Wohlegesetzlichkeit“, die „alles wohl, schön und vollkommen“ macht, denn nur sie schafft „das Werk der Spaltung in arm und reich … aus der Welt“ und nur unter ihr „ist bei den Manschen alles wie es sich gehört und von Vernunft geleitet.“ Mit diesem eindringlichen Appell und dem integrativen Chor „Different Voices of Berlin“, der aus den Publikumsreihen auf die Bühne kommt, endet ein im besten Brechtschen Sinne  aufwühlender Theaterabend und lässt das Publikum ratlos zurück. Letztlich bleiben,  wie wir es auch von Brecht kennen, „alle Fragen offen.“ Vor allem die, wie so etwas sein kann in einer Gesellschaft, die über ein soziales Netz verfügt und sich dieses auch leisten kann.

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