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Samstag, 10.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Kultur

Lesen oder Nicht-Lesen? – Der Lese-Zeichen Dialog in der Stadtbücherei

Vier Mal im Jahr diskutieren Michael Schreiner (Ex-Kulturchef der Augsburger Allgemeinen) und Kurt Idrizovic (Buchhändler, Veranstalter und feste Größe im Augsburger Kulturleben) in der Stadtbücherei über Bücher, Phänomene des Buchmarktes und ihre subjektiven Lese-Erlebnisse. 

Von Sabine Sirach

Michael Schreiner und Kurt Idrizovic (v.l.) Foto: Sabine Sirach

Klar, dass sie mit dem neuen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ von Uwe Tellkamp beginnen mussten, ist er doch das derzeit meist diskutierte und rezensierte Buch Deutschlands. Schreiners provokante Frage: „Ist der Titel schon das Beste an dem Buch?“ wurde nicht beantwortet – beide Diskutanten hatten das Buch noch nicht gelesen, ihnen erschien aber die Rezeption von Buch und Autor bemerkenswert: Die Skandalisierung des laut SPIEGEL „nach rechts abgedrifteten“ Autors nach einer Aussage über Flüchtlinge hatte bereits im Vorfeld des lange erwarteten Buches hohe Wellen geschlagen (wovon sich sogar Suhrkamp, Tellkamps Verlag, distanzierte) – und war prompt der Auslöser dafür, dass es schleunigst auf der Bestsellerliste auftauchte, obwohl doch alle „von einer gewissen Qual“ bei der Lektüre berichteten.

Der nächste Skandal der Literaturszene, dem sich die beiden näherten, war die Aufregung im PEN-Zentrum Deutschland, in deren Verlauf der Vorsitzende Denis Yücel zurücktrat. Yücel war wegen „Terrorverdachts“ für beinahe ein Jahr in der Türkei inhaftiert – er konnte also die Ziele des PEN, für freie Meinungsäußerung einzutreten, bestens verkörpern. Während Schreiner noch rätselte, ob uns der Aufruhr interessieren müsse, war für Idrizovic klar: Ja! „Wir fordern doch immer, dass sich Literaten auch politisch äußern, und der PEN geht mit einer gewissen Ernsthaftigkeit an Themen heran.“ Dass der ausufernde Streit – bekanntlich bezeichnete Yücel den PEN nach seinem Rücktritt als „Bratwurstbude“ – sich an typisch Deutschem entzündete (es ging ums Vereinsrecht) und mit Gebrüll und Austritten endete, verursachte nach Idrizovics Meinung deswegen so einen Aufruhr, weil man es einfach nicht mehr gewöhnt sei, dass Autoren sich streiten oder politisch äußern – deswegen auch die große Aufmerksamkeit für den offenen Brief von Intellektuellen um Alice Schwarzer an Kanzler Scholz gegen Waffenlieferungen in die Ukraine. Immerhin hätten beide Skandale hohen Unterhaltungswert!

Empfehlungen

Natürlich hatten beide auch Buch-Empfehlungen im Gepäck. Idrizovic ließ sich von „Eine Frage der Chemie“ von Bonnie Garmus begeistern, der Geschichte einer (fiktiven) Wissenschaftlerin in den 50er Jahren, die von ihren männlichen Kollegen bedrängt wird und dennoch ihren Humor behält. Der Krimi „Cooper“ von Jens Eisel schildert den bis heute offenen Fall einer Flugzeugentführung aus den 70er Jahren. Mit der Einordnung in die Kategorie der momentan gefragten Natur- und „nassen“ Bücher stellt Idrizovic „Der Holländer“ von Mathijs Deen vor, einen Krimi, bei dem man viel über das Watt lernen könne, der aber vor allem die Auseinandersetzungen der Grenzkräfte Deutschlands und der Niederlande in dem Kriminalfall thematisiert. 

Michael Schreiner, der sich selbst als „zuständig für Handke“ erklärt, stellte gleich zwei neue Bücher seines Lieblingsautors vor, interessanterweise in zwei verschiedenen Verlagen erschienen. Vom „Zwiegespräch“ (Suhrkamp) sind Schreiner und Idrizovic beide nicht überzeugt, ein allzu schmaler Band mit ultrakurzen Texten in großer Typo; Idrizovic hatte die Zeit gestoppt, die er fürs Lesen der ersten Seite gebraucht hatte: 35 Sekunden! Von dem neuen Band mit Handke-Tagebüchern (Jung & Jung Verlag) schwärmt Schreiner hingegen, weil hier ein wacher Beobachter Lust auf das Spiel mit Sprache mache und Einblicke in das eigene Schreiben biete. Handke sei auch deswegen immer wieder interessant zu lesen, weil er klar über seine frühe Theaterleidenschaft und auch über das schwierige Erbe der Großväter reflektiere.

Schreiner empfahl den Roman „Zeitzuflucht“ des bulgarischen Autors Georgi Gospodinov, der das große Thema Erinnerung und Vergessen klug und witzig darstelle. Die Story: Für demente Patienten werden frühere Jahrzehnte originalgetreu nachgebaut, um ihnen nostalgische Erinnerungen wieder zu geben. Das Konzept wird ein Riesenerfolg, wird ausgeweitet auch für nicht-Demente und wächst sich zu einer regelrechten Manie aus. 

Auch „Der Hypnotiseur“ von Jakob Hein kreist um eine Realitätsflucht: Es ist die Geschichte um einen, der in der DDR seine Klienten per Hypnose auf Reisen in ferne Länder schickt (eine Klientin fährt nach Paris und trifft dort Alain Delon) – aber in der dörflichen Umgebung auf Unverständnis stößt. Eine klare Empfehlung Idrizovics, wie auch „Der Morgenstern“, ein neuer, spannender Roman von Karl Ove Knausgård über ein Himmelsphänomen, das die Menschen verändert; hier gab es einen Querverweis auf das „Wunderzeichenbuch“ aus Augsburg von 1552. Die bisherigen autobiografischen Bücher von Knausgård haben beide Diskutanten bisher nicht geschafft – Schreiner tat sich nach eigener Aussage schon mit dem Einstieg jedes Mal schwer. Laut Idrizovic, der von einem Roman eine spannende Dramaturgie und gut gezeichnete Figuren erwartet, hebt sich der „Morgenstern“-Roman deutlich von den Autofiktionen ab.

Über „Yoga“ von Emmanuel Carrère waren sich beide einig: “Ein sehr aufrichtiges, autofiktionales Buch“ nicht nur für Yoga-Begeisterte. Das Buch war übrigens, angeblich wegen des Papiermangels, über vier Wochen nicht zu bekommen; Schreiner musste ungeduldig warten. Er wurde dann aber belohnt mit einem ganz ungewöhnlichen Buch, das auch zeitgenössische Ereignisse und Schauplätze wie Charlie Hebdo oder Lesbos aufgreift und die Depressionen des Protagonisten beschreibt.

Phänomene

An „Erschütterung“ von Percival Everett gibt es ein ganz neues Phänomen: Drei inhaltlich verschiedene Versionen, von außen nicht erkennbar. Buchhändler Idrizovic kam erst in der Diskussion mit einer Kundin auf die Unterschiede, kann aber auch nicht erklären, was das Ganze soll – ein Marketing-Gag? „Frechheit oder Sensation?“ Erkennbar seien die drei Versionen an der Anzahl von Punkten über der ISBN-Nummer im Impressum. Die Geschichte kreist um die Erschütterungen, die ein akademischer Höhlenforscher – eigentlich ein langweiliger Job – erlebt: Problemen mit seiner Tochter und Studentinnen folgt ein Abenteuer, als er in fremder Kleidung Zettel mit dramatischen Hilferufen findet und ihnen nachgeht. Auch der Schluss der Geschichte kommt in drei verschiedenen Showdowns daher. Welche Auflagen die drei Versionen hätten, sei noch nicht bekannt – jedenfalls seien sie „ein Geschenk an uns Buchhändler“.

Idrizovic meint ohnehin, für ihn als Buchhändler könnten goldene Zeiten anbrechen, denn: „Albrecht Hornbach – der Gründer der Baumarktkette – prophezeit, es bahne sich ein Jahrzehnt des Zuhauses an! Wunderbar!“

Lesen oder nicht lesen?

Als Schreiner allerdings äußerte, er sei „vor allem ein Nichtleser“, schaute der Buchhändler kurzzeitig doch etwas traurig. Es ging aber um das bewusste Nichtlesen von Büchern wie die von Carsten Henn, der sich mit seinen Kitsch-Romanen wie „Der Buchspazierer“ hartnäckig auf den Bestsellerlisten halte. Auch Empfehlungen für Serien-Fortsetzungen bei Amazon seien keine Versuchung für den wahren Nicht-Leser. Und wenn man dann doch lese: Solle oder dürfe man in Büchern Passagen mit Bleistift, Neon-Marker oder Eselsohren markieren? (Hier las Idrizovic eine witzige Passage von Flann O´Brien vor: „Die Buch-Handhaber“, über Bücher, die man in vier Stufen der Handhabung kaufen könne – professionell gehandhabt mit Anmerkungen, Eselsohren und weiteren Gebrauchsspuren.) Und was, bitteschön, solle ein Unfug mit Inhaltswarnungen wie die vom Steidl Verlag: „bitte achten Sie beim Lesen auf sich“ – „Ja was denn sonst?“ (Idrizovic) 

Schreiner ist aufgefallen, dass Bücher heute, im Gegensatz zu früher, glatte Preise haben, also nicht mehr 17,80€ kosten, sondern 18€, oder 20€, oder 22€. Idrizovic erinnerte sich daran, dass Bücher früher unter 20 DM kosten mussten, aus verkaufspsychologischen Gründen. Dann fing Bertelsmann mit den glatten Preisen an; man hatte dort ausgerechnet, wieviel Gewinn 10 Cent bei einer Auflage von einer halben Million ausmachen! Und Diogenes habe, in seiner ohnehin teuren Schweiz, gleich die Preise angehoben. Dass dann die teuren (wenn auch in diesem Falle schönen) Bücher wie der neue Walser nur sehr kurze Texte über seine Träume enthalte, mache das Ganze auch nicht besser.

Da bleibe laut Michael Schreiner bloß, sich an Peter Handkes Rat zu halten: „Jetzt hilft nur noch Lesen!“

 

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