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Sonntag, 11.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Politik

Stadtarchäologie: Neue Funde bringen frischen Wind in die Debatte um das Augsburger Römererbe

Die Stadt Augsburg feiert neue Ausgrabungsfunde der Stadtarchäologie mit Superlativen (Augsburg sei „ältester römischer Stützpunkt in Bayern“). Oberbürgermeisterin Eva Weber wollte nicht zurückstehen und verhob sich ein wenig mit der Behauptung, dass die römischen Ursprünge unter Kaiser Augustus seit jeher prägend und entscheidend für die Augsburger Identität seien. 

Bei Grabungen im Augsburger Stadtteil Oberhausen barg die Stadtarchäologie aus dem Kies 400 Kilogramm Fundmaterial, das nun ausgewertet wird. Die Funde bestätigen die frühe Datierung auf 8 bis 5 vor Christus: Augsburg ist damit ältester römischer Standort in Bayern. Foto: Monika Harrer/ Stadt Augsburg

Die Stadt blickt auf eine über 2000-jährige Geschichte zurück. Nach bisheriger Sachlage ließen die Römer bereits in den Jahren zwischen 8 und 5 vor Christus unter Kaiser Augustus ein Militärlager im neu eroberten Alpenvorland im heutigen Stadtteil Oberhausen errichten. Zahlreiche Neufunde, welche die Stadtarchäologie bei einer Pressekonferenz präsentierte, scheinen diese Frühdatierung nun zu bestätigen und charakterisieren Augsburg als ältesten römischen Stützpunkt in Bayern. „Diese neuen Ausgrabungen führen uns erneut zurück an die Anfänge der über 2000-jährigen Stadtgeschichte“, begeistert sich Oberbürgermeisterin Eva Weber. „Die römischen Ursprünge unter Kaiser Augustus, den die Stadt bis heute im Namen trägt, sind seit jeher prägend und entscheidend für die Augsburger Identität.“

Artefakte von 400 Kilogramm

Die neuen Funde wurden bei der archäologischen Untersuchung eines künftigen Wohngebiets im Augsburger Stadtteil Oberhausen entdeckt. Sie lagen in einem römerzeitlichen Flussbett der Wertach, die um 1900 begradigt worden war. Mehrere 1.000 Kubikmeter Kies wurden durchsucht und förderten Waffen, Werkzeuge, Geräte, Schmuck, über 800 Münzen, Geschirr, Transportgefäße und vieles mehr zu Tage. Die geborgenen Fragmente und Artefakte mit einem Gesamtgewicht von über 400 Kilogramm stammen alle aus dem Militärstützpunkt, der im 1. Jahrzehnt vor Christi Geburt eingerichtet wurde. Die Funde sind teilweise stark korrodiert und bis zur Unkenntlichkeit verkrustet. Die Konservierung, Freilegung und wissenschaftliche Bearbeitung steht noch bevor. Dennoch konnten schon jetzt ausgewählte Funde vorgestellt und erste Überlegungen angestellt werden. Erstaunlich ist neben der Fundmenge vor allem die hohe Qualität zahlreicher Produkte (z. B. des Geschirrs aus Bronze, Keramik und Glas), die in Mittel- und Oberitalien sowie in Südfrankreich produziert wurden. Hervorzuheben ist etwa eine vollständig erhaltene Öllampe aus Bronze, deren Griff als Mondsichel gestaltet ist, die wiederum von einer Büste des Sonnengottes bekrönt wird.

Die neuen Funde erlauben neue wissenschaftliche Aussagen

Diese Stücke werden von der Forschung auf eine Zeit zwischen den Jahren 8 und 5 vor Christus datiert und beweisen damit, dass hier der bislang älteste bekannte Militärstützpunkt der Römer in Bayern lag. Einen bedeutsameren Fund habe es in der Stadt seit mehr als 100 Jahre nicht mehr gegeben, so Sebastian Geirhos, Leiter der Augsburger Stadtarchäologie. Er hofft nun auf viele neue Erkenntnisse. Die Gründungsgeschichte Augsburgs wird durch die neuen Entdeckungen konkreter. Zuvor hatte die Stadt den römischen Alpenfeldzug im Jahre 15 vor Christus als ungefähres Gründungsdatum genannt. Jetzt könne der Gründungszeitraum des römischen Lagers auf die Jahre 8 bis 5 vor Christus terminiert werden.

Bereits im Jahr 1913 stieß man bei der Kiesgewinnung auf dem Gelände in Oberhausen auf römische Funde, die in die Zeit kurz nach Eroberung des Alpenvorlandes (15 v. Chr.) datiert werden konnten. Damals unterblieb jedoch eine archäologische Dokumentation der Fundkontexte, so dass später zahlreiche Zweifel aufkamen und der Fundplatz die unterschiedlichsten Interpretationen erfuhr. „Die neuen Funde erlauben bei ihrer wissenschaftlichen Analyse nun zahlreiche neue Aussagen – nicht nur zur Funktion des Platzes, zur Herkunft und Zusammensetzung der Truppe und der Zivilisten, sowie zur Nachschublogistik – sondern vor allem auch zu seiner Datierung“, erklärt Dr. Gairhos.

Schmuckobjekte zeigen, dass auch Frauen im Lager lebten

Eine vollständig erhaltene Silberfibel mit aufgesetzten plastischen Insekten etwa, zeigt neben anderen Objekten, dass auch Frauen im Lager gelebt haben. Mit der Halbierung von mehreren Kupfer- und Bronzemünzen, die in Lyon (Lugdunum) und Nimes (Nemausus) geprägt wurden, könnte ein Mangel an Kleingeld behoben worden sein. Alle Waren, wie auch viele importierte Lebensmittel (etwa Wein, Öl und Austern), mussten einen weiten Weg bis zum heutigen Augsburg zurücklegen, entweder über die Alpen oder flussaufwärts über Rhone und Saone. Von den notwendigen Transportmitteln zeugen noch ein vollständig erhaltener Eisenreifen eines Wagenrades und zahlreiche Amulette und Glöckchen vom Geschirr der Zug- und Reittiere. Ob die Versorgung der Menschen mit Rind- und Schweinefleisch ebenfalls über den Import des Fleisches beziehungsweise des lebendigen Schlachtviehs aus dem Süden erfolgte, oder ob der Bedarf lokal gedeckt wurde, dürfte die wissenschaftliche Analyse der zahlreich geborgenen Tierknochen beantworten.

Legionäre aus dem gesamten römischen Reich

Die Funde beweisen zudem, dass die „ersten Augsburger“ nicht alle aus Italien stammten. Viele Legionäre und Offizieren kamen von hier, aber auch aus Spanien, Nordafrika und Südfrankreich. Die Reitersoldaten waren in Gallien oder am Niederrhein rekrutiert worden. Einige Frauen dürften aus der Region des Alpenvorlandes und der heutigen Nordschweiz gestammt haben.

Vollständig erhaltene Öllampe aus Bronze, deren Griff als Mondsichel gestaltet ist, die wiederum von einer Büste des Sonnengottes bekrönt wird. Foto: Monika Harrer/ Stadt Augsburg

Die neu entdeckten Objekte – chronologisch aussagekräftig sind vor allem Münzen und Importkeramik – bestätigen die Frühdatierung des Stützpunkts im heutigen Oberhausen ziemlich genau auf die Jahre zwischen 8 und 5 vor Christus. Neben der militärischen Sicherung bestand die Aufgabe der Truppe im Aufbau der Infrastruktur. Gegen Ende der Regierungszeit des Kaisers Augustus (zirka 10 n. Chr.) wurde der Platz durch ein Militärlager für zirka 3000 Soldaten in der Augsburger Altstadt beim Stephansgarten ersetzt. Aus der schnell wachsenden Zivilsiedlung außerhalb des Lagers entwickelte sich die Siedlung Augusta Vindelicum, im Mittelalter Augustburch und schließlich die Stadt Augsburg, die immer noch den Namen des Kaisers trug, unter dem in Oberhausen der erste Stützpunkt eingerichtet wurde.

Trepesch: „Der Fund rückt die Römerstadt wieder in den Mittelpunkt unseres historischen Interesses“

„Der herausragende Fund ist ein Glücksfall für die gesamte archäologische Stadtforschung. Er rückt Augsburg als Römerstadt wieder in den Mittelpunkt unseres historischen Interesses“, so kommentiert Augsburgs Museumschef Dr. Christof Trepesch die sensationellen Ausgrabungen auf Anfrage.

Auch im Subtext der Kommentierung von Jürgen Enninger ist erkennbar, dass die aktuelle Pflege der Augsburger Gründungsgeschichte bezüglich ihrer historischen Bedeutung nicht angemessen ist: „Mit den Funden aus dem römischen Militärstützpunkt bei Oberhausen wird die Gründungsphase Augsburgs und damit die wichtige politische und kulturelle Zäsur unter dem römischen Kaiser Augustus nun mit Händen greifbar. Die aufwendige Konservierung der Funde und ihre gründliche wissenschaftliche Auswertung stehen noch bevor, auf die Ergebnisse kann man aber schon jetzt gespannt sein. Basierend auf diesen Ergebnissen gilt es, entsprechende Präsentationsformen zu erarbeiten.“ So Augsburgs Kulturreferent Enninger, ein Mann der Verwaltung, also ein Vertreter der leisen und vorsichtigen Töne.

Konkreter zeigt sich diesbezüglich Augsburgs versiertester und wirkungsmächtigster Politiker, nämlich der Vorsitzende der Augsburger CSU, MdB Volker Ullrich, der sich im September 2019 auch kulturpolitischen Fragen stellte:

DAZ: Womit wir bei den Römern wären. Ein Erbe, das viele Jahrzehnte in der Dominikanerkirche vor sich hindämmerte und nun richtig brach liegt. Sie wollen mir jetzt doch nicht einreden, dass dieses große historische Erbe von der städtischen Kulturpolitik nicht vernachlässigt wurde.

Ullrich: Die städtische Kulturpolitik kann doch nicht alles auf einmal erledigen. Wie wir den Umgang mit unserem großen römischen Erbe zeitgemäß aufbereiten, wird eine der künftigen Fragen der städtischen Kulturpolitik sein. 

 

 

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