DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Samstag, 10.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

Wer wir wirklich sind: Eine Entdeckungsreise durch die vielen Gesellschaften unserer Stadt

Gastbeitrag von Sait Içboyun

„Migranten aus Stein“: Aus Spanien und Portugal importiertes Pflaster am Königsplatz trotzt der Augsburger Witterung

Am Königsplatz, dort, wo das Herz der Stadt am lautesten schlägt, herrscht an den Flanken eine seltsame Totenruhe. Inmitten dieser Szenerie stehen die Fahrräder, die niemand mehr will. Sie lehnen in den Ständern wie müde Trinker an einer Bar; schief, ineinander verkeilt, vom Strom der Zeit einfach stehen gelassen. Man sieht es an der Art, wie diese Räder gestürzt sind: Manche wurden in Hast abgestellt, als hätte der Besitzer den Anschluss an ein Leben verpasst, das woanders stattfand. Andere wurden schlicht zurückgelassen, wie abgelegte Identitäten, herrenlos, einem anderen überlassen. Ihre Reifen scheinen sich in den Augsburger Boden fressen zu wollen, als suchten sie Halt in einer Erde, die ihnen nur einen Platten schenkt. In diesem Zusammenstehen der Fahrräder herrscht ein Stillstand, der nicht mal rostet – er ist nur für die Augen derer zu sehen, die noch zu schauen verstehen.

Nur zwei Meter entfernt, auf den Bänken verteilt, sitzen die lebendigen Trinker; sie bemerken das Hasten der Passanten kaum, die vergraben in ihrer Eile in Richtung der Straßenbahnen huschen. Etwas abseits jedoch, direkt vor dem Portal der Deutschen Bank, sitzt ein Obdachloser im Schneidersitz und spielt auf der anatolischen Saz. Es ist ein lauter Protest der Melodie gegen das Symbol für Kapital und Ordnung, ein hölzerner Widerhall gegen das rein ökonomische Ringen.

Hier, auf diesem weiten Pflaster, begegnen sich Kunst und Widerstand an Orten, wo man sie nicht erwartet. Die Saz ist nur eine Stimme in einem vielstimmigen Chor: Der Platz ist zum Resonanzkörper des Weltschmerzes geworden. Hier wehen die Fahnen ferner Kriege neben den Plakaten für soziale Gerechtigkeit. Es ist ein permanentes Aufbegehren, das sich hier entlädt – der Kö ist das politische Gewissen der Stadt, wo die großen Konflikte der Welt auf das kleine schwäbische Pflaster treffen. Es herrscht die Gleichgültigkeit derer, die sich im Abseits nichts mehr zu sagen haben – und doch singen und rufen die anderen unaufhörlich dagegen an.

Es ist ein „Zusammen-Rosten“, das sich hier vollzieht: eine Gesellschaft, die zwar den Frieden nebeneinander gefunden hat, aber nicht ineinander gewachsen ist. Sogar der Boden erzählt davon: Man entschied sich für Steine aus Portugal und Spanien statt für heimischen Granit. Nun liegen sie da, die „Migranten aus Stein“, und trotzen der Witterung, als müssten sie sich erst an die Augsburger Luft gewöhnen. Auf diesem importierten Pflaster altern die Menschen gemeinsam; sie teilen sich denselben Regen, bis die harten Kanten zwischen „uns“ und „ihnen“ im Alltag langsam abschleifen.

Hier begegne ich Menschen aus der „Fremde“ – Menschen wie ich. Doch das Paradoxon unserer Zeit bleibt: Dass wir einander fremd sind und nur in kleinen Gruppen zueinander finden. Auch einer wie ich ist unter den Fremden ein Fremder geblieben. Man zählt Herkunftsangaben wie Inventarnummern; dem Deutschen liegt das Kategorisieren in kleinste Mikroidentitäten. Die Statistik spricht dazu eine deutliche Sprache: 150.166 Augsburger, deren Stammbäume tief in diesen Boden reichen, stehen 158.241 Menschen gegenüber, deren Wurzeln erst noch das portugiesische Pflaster durchdringen müssen. Doch Zahlen sind nie fest; sie sind täglich beweglich wie der Fluss der Menschen am Kö. Während die Zahl derer mit türkischem Pass schrumpft, ist die Welt um sie herum förmlich explodiert: Rumänien, Afghanistan und Syrien sind von Randnotizen zu tragenden Säulen der Stadtgesellschaft geworden.

Was uns aber wirklich eint, jenseits der Pässe, ist das reale Scheitern am Alltag dieser Stadt. Wir stehen alle auf demselben importierten Pflaster und blicken auf dieselben Baustellen der Gerechtigkeit. Es ist das bittere Paradoxon Augsburgs: Während wir hunderte Millionen Euro in die Hochkultur pumpen und das Staatstheater zur Prachtimmobilie sanieren, stinken in den Schulen ein paar Straßenzüge weiter die Toiletten zum Himmel. Diese Orte sind die wahre Geduldsprobe unserer Würde. Wir leisten uns den Glanz der Bühne, während die Basis zerfällt. Dieses „Wir“ definiert sich heute über eine gemeinsame Erfahrung: Die Herausforderungen des Lebens sind für uns alle gleich – es kommt nicht darauf an, ob einer als Deutscher hier wurzelt oder als Migrant ankam. Die Miete, die den Lohn frisst, die Sorge um die Zukunft der Kinder und der Mangel an bezahlbarem Raum treffen uns alle an derselben Stelle. Die soziale Frage ist die neue Weltsprache am Kö.

Wenn ich hier stehe und lausche, fühle ich mich wie ein bunter Hund in einem babylonischen Garten. Ich beobachte Männer – schwarz, weiß, welche Farbe wir ihnen auch zuschlagen mögen. Es ist der größte Fehler, die Zugehörigkeit an der Hautfarbe festzumachen. Ein Mensch kann aussehen, wie die Natur ihn gegeben hat, und doch so tief in dieser Gesellschaft aufgegangen sein, dass seine Liebe zu dieser Stadt und seine Sorge um ihr Gemeinwesen das eines „Huberts“, der seit Generationen auf diesem Boden wurzelt, bei weitem übertrifft.

Erkennbar sind sie eher an der Kleidung, an der bewussten Wahl: Ob sie hier dazugehörig mit der Mode gehen oder in ihrer eigenen Tradition verwurzelt bleiben. Vor allem freitags sieht man Männer in fließenden Stoffen, Afghanen im Perahan Tunban oder Somalier im weißen Khamis. Doch was wir nicht als bloße Gewöhnung abtun sollten, ist der Anblick kleiner Mädchen, die bereits verschleiert diesen Platz betreten. Es ist ein Bild, das wie ein Schatten über der Leichtigkeit ihrer Kindheit liegt und sie bereits früh von einer Welt trennt, die ihnen eigentlich offenstehen sollte. Wenn dieser Schatten nicht wäre, gliche das Nebeneinander den Blumen der Welt.

Augsburg ist sicher. Es ist, als hätten wir uns darauf geeinigt, dass das Fremdsein die kleinste gemeinsame Konstante ist. Wir lassen uns in Ruhe, weil wir alle wissen, wie schwer es ist, irgendwo ganz anzukommen. Doch diese Ruhe ist trügerisch; sie ist oft nur die Stille derer, die sich in ihre eigenen Mikroidentitäten, in ihre geschlossenen Communities und privaten Rückzugsorte geflüchtet haben.

Ich werde hier nicht nur am Kö stehen bleiben. Von diesem Zentrum aus werde ich mich auf den Weg machen, um das „Wir“ dort aufzusuchen, wo es sich hinter den Masken der Statistik, den Prachtbauten der Hochkultur und den Mauern der Gleichgültigkeit verbirgt. Ich werde die versteckten Leben und die leisen Stimmen dokumentieren, die in den Nischen dieser Stadt ihr eigenes Augsburg erschaffen haben – abseits des portugiesischen Pflasters.

Dies ist der Beginn einer Suche nach den Menschen, den Strömungen und dem verborgenen Puls unserer Stadt. Und mit all meinen Identitäten sage ich für heute:

Rojbaş, Merhaba, Hallo und Hello.

Sait Içboyun

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