DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Montag, 12.10.2026 - Jahrgang 18 - www.daz-augsburg.de

„Der Menschenfeind“ auf der Brechtbühne: Ein schräges Theatervergnügen

Was war anders im 17. Jahrhundert, als Molière seine ätzenden Gesellschaftskomödien schrieb, im Vergleich zu heute. Einiges, würde man sagen. Und dann doch nicht so viel, davon geht zumindest André Bücker mit seinem Team aus beim Konzept der Inszenierung von Molières „Menschenfeind“ auf der Augsburger Brechtbühne.

Von Halrun Reinholz

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Klatsch und Tratsch, Intrigen und Missgunst, das gab es reichlich am Hof des „Sonnenkönigs“, wie wir wissen. Molières „Menschenfeind“ ist ein Spielverderber, ein Miesepeter, der dabei nicht mitmachen will. Der sich dem Reinen und Schönen verschrieben hat, dem Schmeichelei und Opportunismus zuwider sind. Kai Windhövel verkörpert ihn gut, man kann ihn fast körperlich leiden sehen, als der Poet Oronte (herrlich: Klaus Müller mit Perücke und Plateau-Stiefeln), ernsthaft versucht, sein neues „Sonett“ vorzutragen, um sich im Beifall der Zuhörer zu sonnen. Er muss mehrfach ansetzen, weil er im Handy die Datei verliert und  – „oh Schreck“ – feststellen muss: „Was steht hier nur? Das ist die Autokorrektur!“

 Hier wird zum Vergnügen der Zuschauer in der Brechtbühne schon klar, worauf Andre Bücker in seiner Inszenierung hinauswill: Es hat sich gar nicht so viel geändert seit Molière, nur die Mittel sind nun andere, mit denen man auf dem gesellschaftlichen Parkett punktenoder worüber man stürzen  kann. Alceste, der Menschenfeind, und Oronte, der ruhmsüchtige „Poet“ ohne Substanz, verkörpern die Pole der Gesellschaft. Ihr Mittelpunkt ist Célimène (attraktiv und temperamentvoll: Mirjana Milosavjevic) das „Party-Girl“ ohne Geldsorgen (weil reich verwitwet), in deren Haus sich die gesamte Handlung abspielt. Auf der Brechtbühne wird der „Salon“ zum Club. Techno-Musik wabert durch den Raum und hoch oben thront der DJ (Lilijan Waworka) im Glitzer-Look. Ein eher privater Club, wo es dauernd an der Tür klingelt, denn Célimène ist kein Kind von Traurigkeit und umgibt sich gern mit, hauptsächlich männlichen, Gästen, die sich ihrerseits gern von der flotten „crew serveuses“ bedienen lassen. Nur zu dumm, dass der Menschenfeind Alceste sich als Ziel seiner Liebe ausgerechnet dieser Frau ausgesucht hat. So muss er das Party-Spiel mitspielen, muss leiden und zusehen, wie die beiden Partyhengste Alcaste (Patrick Rupar)  und Clitandre (Thomas Prazak) Célimène umschwänzeln. Ja sogar Oronte, zu dessen Sonett Alceste seine ehrliche Meinung gesagt hat und ,it dem er sich deshalb vor Gericht treffen muss, auch Oronte macht sich Hoffnungen auf Célimène. Einen wohlmeinenden Freund hat Alceste in dem pragmatischen Philinte (Paul Langemann), der seinerseits der etwas überspannten Eliante (Mirjam Birkl im Girlie-Look) zugetan ist – die beiden stehen etwas außerhalb der Klatsch-Szene, ohne sich ihr zu widersetzen. Sie wollen einfach dabei sein und Party machen. Das Team wäre nicht komplett ohne den wandelbaren Sebastian Müller-Stahl, der (sehr wandelbar!) gleich in mehreren Rollen auftritt, vor allem aber als diskreter Hausdiener (in diesem Fall eher Türsteher) Basque.

Die gereimten Verse von Molière hat Andreas Hillger als Vorlage genommen, um das Stück auf „heutig“ aufzupeppen. Hillgers Zusätze harmonieren nahtlos mit den Originalversen. Ein amüsanter (gereimter) Gruppen-Chat der Protagonisten läuft außerdem wie ein Film über der Bühne  und lenkt fast zu sehr vom Geschehen ab. Doch auch Bühnenbild und Kostüme (Imme Kachel) sind ein stimmiger Blickfang – aufgedonnert schräg stolzieren die Party-Gockel durch die Szene, Célimène packt bei jedem Auftritt neue Schuhe aus und alles glänzt und glitzert im Party-Rausch, jeders Tischlein an der überdimensionalen (lila) Sitzgarnitur ist gut mit Flaschen gefüllt. Betont „normal“ ist nur das Outfit von Alceste, dem Fremdkörper in der Feierwelt.

Bei Molière stolpert Célimène über ein paar galante Briefchen, mit denen sie ihre Verehrer gegeneinander ausspielt. Die heutige Version ist der Shitstorm in den sozialen Medien, der dazu führt, dass die angeblichen Freunde sich abwenden. Und dann gibt es noch den Moralapostel, Vertreter des Guten, der den Stein ins Rollen bringt. Das ist bei Molière Arsinoé, in der Inszenierung ein zwischen mephistophelisch und nonnenhaft anmutender Rache-Engel (wunderbar unterkühlt: Katja Sieder)

Wer geglaubt hat, Molière hätte nur alte Hüte und verstaubte Perücken zu bieten, wird in dieser Inszenierung eines Besseren belehrt.  Die Zeitlosigkeit des Themas – Klatsch und Tratsch als Kitt der Gesellschaft – wird auch dadurch deutlich, dass die Kostüme durchaus historische Anklänge haben. Und dass die Verse Molières unter Umständen nicht zu unterscheiden sind von den „Nachdichtungen“ , die für jeden Chat taugen. Zum Beweis dafür hat sich das Theater schon im Vorfeld der Premiere was einfallen lassen: Unter www.mollusk.de kann jeder mit-chatten. Bedingung: Es soll gereimt sein („Es sei der Reim/Aller Zeilen Leim“) . Aber keine Sorge, mit Hilfe von KI kann man seine Ergüsse auch „in Reime verwandeln“. 

„Wir Menschen gelten als vernünftige Wesen,/wer das behauptet, ist nie Mensch gewesen“, ist das bittere Fazit von Alceste. Diese hervorragend besetzte Inszenierung ist ein stimmiger Blick in die Welt von Molière mit den Mechanismen von heute und ein ungetrübtes Vergnügen für das Theaterpublikum.

gesamten Beitrag lesen »



Interview mit Gerald Bauer: Das Altern kommt aus der KI

Mit einem komplett von Künstlicher Intelligenz erstellten Bild sorgt Gerald Bauer für Aufmerksamkeit auf der 75. Großen Schwäbischen Kunstausstellung, die noch bis zum 7. Januar in Halle 1 im Raum für Kunst im Augsburger Glaspalast zu sehen ist. KI gehört aktuell zu den relevanten Themen. Was kann KI? Wird KI eine neue gesellschaftliche Revolution einleiten, wie […]

gesamten Beitrag lesen »



Bundesliga: Aus der Mitte entspringt ein Fluss

Der FC Augsburg gewinnt in der 13. Runde der Fußballbundesliga gegen Eintracht Frankfurt spektakulär mit 2:1. Frederik Jensen (35.) und Iago (58.) erzielten die Tore für den FCA. Der Frankfurter Anschlusstreffer muss FCA-Keeper Dahmen als Eigentor angerechnet werden, weil er einen Querpass unglücklich mit der Wade ins eigene Tor lenkte (78.).  Von Siegfried Zagler Beginnen […]

gesamten Beitrag lesen »



Innenstadt: Christkindlesmarkt bis 24. Dezember

Seit Montag ist der Augsburger Christkindlesmarkt eröffnet Vom Rathausplatz, dem Martin-Luther-Platz, entlang der Philippine-Welser-Straße, in der Maximilianstraße und vor der Moritzkirche reihen sich bis zum 24. Dezember (14 Uhr) die Buden eines der ältesten und größten Weihnachtsmärkte Deutschlands. Rund eine Million Besucher dominieren in der Vorweihnachtszeit die kulturelle Atmosphäre der Augsburger Innenstadt, die besonders in den […]

gesamten Beitrag lesen »



Im Dickicht der Erinnerung – Boris Eldagsen und Tanvir Taolad im Höhmannhaus

Wer sie verpasst hat, sollte im Netz nach weiteren Ausstellungen von Eldagsen/Taolad suchen, denn ihr Projekt „Trauma-Porn“ ist noch lange nicht zu Ende. Von Siegfried Zagler Das Vergessene ist nicht verdrängt, es ist einfach nur vergessen. Die Erfindung des Unbewussten ist nichts weiter als eine freud´sche Schimäre. Wenn wir uns aber doch an scheinbar Vergessenes […]

gesamten Beitrag lesen »



Dahmsinn in Berlin: FCA-Keeper hält Punkt gegen Union fest

Nach einem kämpferisch hochklassigen Spiel mit größeren fußballerischen Lücken erkämpft sich der FC Augsburg bei Union Berlin ein 1:1-Unentschieden, das unter dem Strich für den FCA als glückliches Ergebnis zu bewerten ist. Die Tore erzielten Ermedin Demirovic (39./Foulelfmeter) und Kevin Volland (88.Rechtsschuss).   Im Vergleich zur Heimpartie gegen Hoffenheim vertraut FCA-Trainer Jess Thorup einer Startelf […]

gesamten Beitrag lesen »



Maxmuseum öffnet wieder

In der Vorweihnachtszeit sind neben den Ausstellungen „Kleine Welten“ und „Kostbarer als Gold“ auch in der Dauerausstellung interessante neue Objekte zu entdecken Nach dem Abbau der Holl-Ausstellung öffnet das Maximilianmuseum am Donnerstag, 30. November, um 10 Uhr wieder seine Pforten. Mit der Wiederöffnung sind gleich zwei Sonderausstellungen im Haus zu sehen: „Kostbarer als Gold“, eine Studioausstellung […]

gesamten Beitrag lesen »



FCA vs. Union: Die Zeichen stehen auf Sieg

Es gibt eine Reihe Fußballklubs, die sich im Fußballgeschäft durch den Impact ihrer Fankultur einen gewissen Restbestand an Identität bewahrt haben. Alemannia Aachen, 1860 München, Kaiserslautern, Düsseldorf gehören dazu. Rot-Weiß Essen, Schalke, St. Pauli oder Dynamo Dresden sollte man auch dazu zählen. Was diese Klubs und andere neben ihrem begeisterungsfähigen Anhang ebenfalls eint, ist der […]

gesamten Beitrag lesen »



Ampel-Gesetze scheitern krachend im Bundesrat – Augsburgs OB Weber enttäuscht

Die Bundesregierung befindet sich in einer schweren Vertrauenskrise und scheiterte zudem heute noch mit einigen Gesetzen im Bundesrat. Nach verschiedenen Gesetz-Entwurfsapannen intern und dem aktuellen Haushaltsdesaster liegt die Ampel in Umfragen in einen dauerhaften Tief – weit entfernt von einer Mehrheit. Die FDP taumelt sogar gegen die fünf Prozenthürde. Eine große Mehrheit traut der Koalition […]

gesamten Beitrag lesen »



„Nie wieder ist jetzt“-Banner am Verwaltungsgebäude angebracht

Als sichtbares Zeichen der Stadt Augsburg gegen Antisemitismus hängt seit heute (23. November) ein großes Banner mit der Aufschrift „Nie wieder ist jetzt. Für Vielfalt und gegen Antisemitismus.“ am Verwaltungsgebäude am Rathausplatz. „Die Entscheidung für das Banner in dieser Form und Gestaltung wurde vor dem Hintergrund des erstarkenden Antisemitismus in der Gesellschaft gemeinsam mit dem Ältestenrat […]

gesamten Beitrag lesen »



Triggerwarnung: Künstlerische Konferenz zu Krieg, Trauma und KI mit Boris Eldagsen & Tanvir Taolad

Im Rahmen des Kunst-Projekts „Triggerwarnung“, einer künstlerischen Konferenz zu Krieg, Trauma und KI, zeigt Boris Eldagsen seine Arbeit „TRAUMA PORN” in der Neuen Galerie im Höhmannhaus, die er als „experimentelle Installation“ bezeichnet. Das Projekt setzt sich mit den psychologischen Langzeitfolgen des Krieges auseinander. Fotografien aus Nazi-Deutschland und dem Zweiten Weltkrieg dienen ihm dabei als Ausgangsmaterial […]

gesamten Beitrag lesen »



Kulturprogramm Friedensfest: Stadt sucht neue Festivalleitung

Am heutigen Mittwoch wurden im Kulturausschuss die vom OB-Referat ausgearbeiteten Pläne zur Evaluation des Friedensfests und zur Arbeit des Friedensbüros vorgestellt sowie eine Beschlussvorlage zur Neubesetzung der Festivalleitung beschlossen. Nächstes Jahr wird die anschließend in den Ruhestand gehende Christiane Lembert-Dobler noch Verantwortung zeichnen, für das darauffolgende Jahr übernimmt Thomas Weitzel ihren Stab. Für das 375 jährige […]

gesamten Beitrag lesen »



« neuere Artikel ältere Artikel »

DAZ heute

Kurznachrichten

Umtausch für Führerscheine von 2002 bis 2004



Wer einen Führerschein besitzt, der in den Jahren 2002 bis 2004 ausgestellt wurde, muss diesen bis spätestens 19. Januar 2027 in den einheitlichen, fälschungssicheren EU-Scheckkartenführerschein umtauschen. Von Bruno Stubenrauch Bild: Monica Smekal / Gemini Um längere Wartezeiten kurz vor Ablauf der Frist zu vermeiden, rät die Stadt Augsburg dazu, den Umtausch frühzeitig zu beantragen. Drei Wege […]

gesamten Beitrag lesen »



Wo Augsburgs Geschichte ein Zuhause fand: Zehn Jahre Stadtarchiv im Textilviertel



Vor zehn Jahren zog das „Gedächtnis der Stadt“ von der Fuggerstraße in die denkmalgeschützte ehemalige Augsburger Kammgarn-Spinnerei. Dieses Standortjubiläum feiert das Stadtarchiv Augsburg am Samstag, 10. Oktober, mit einem Tag der offenen Tür. 2016 wurde das Stadtarchiv in einem denkmalgeschützten Gebäude der ehemaligen Augsburger Kammgarn-Spinnerei eröffnet (Bild: Kerstin Lengger / Stadt Augsburg) Auf rund 3.500 Quadratmetern […]

gesamten Beitrag lesen »



Neuer Direktor für Herzchirurgie an der Universitätsmedizin Augsburg



Prof. Dr. Rawa Arif hat zum 1. Oktober 2026 den Lehrstuhl für Herzchirurgie an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg übernommen und ist zugleich neuer Direktor der Klinik für Herzchirurgie am Universitätsklinikum Augsburg. Von Bruno Stubenrauch Dr. Rawa Arif (Bild: UKA) In seiner neuen Rolle setzt Prof. Arif vor allem auf den Ausbau der minimal-invasiven und […]

gesamten Beitrag lesen »



Trauer-Café im St. Vinzenz-Hospiz: Raum für Austausch bei Kaffee und Kuchen



Am 9. Oktober lädt das St. Vinzenz-Hospiz Augsburg wieder zum Trauer-Café ein. Trauernde können dort bei einer Tasse Kaffee oder Tee einfach da sein, zuhören oder sich mit anderen austauschen. Von Bruno Stubenrauch Bild: Monica Smekal / Gemini Trauer verläuft selten geradlinig. Sie kommt in Wellen, oft dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Genau für […]

gesamten Beitrag lesen »



Tag der offenen Tür der Justiz Augsburg am 17. Oktober



Anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums bietet das Strafjustizzentrum in der Gögginger Straße 101 am 17. Oktober bei einem Tag der offenen Tür exklusive Einblicke hinter seine Kulissen. Von Petra Franek Das Landgericht, das Amtsgericht und die Staatsanwaltschaft freuen sich darauf, die Augsburgerinnen und Augsburger persönlich begrüßen zu dürfen. Zellentrakte und Gefangenentransporter können besichtigt werden, zahlreiche Infostände geben […]

gesamten Beitrag lesen »



Suche in der DAZ

  

DAZ Archiv

Oktober 2026
M D M D F S S
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031